Bauweisen und Griffsysteme

Stichworte: Deutsches System · Französisches System · Wiener Klarinette · Oehler/Voll-Oehler · Böhm

Denners Erfindung

Johann Christoph Denners Erfindung (circa anno 1700 n. Chr. im deutsch-fränkischen Nürnberg) breitete sich im 18. und 19. Jahrhundert, für damalige Verhältnisse rasch, in ganz Europa aus.

Klang und Spielbarkeit wurden dabei durch die ortsansässigen Instrumentenbauer und Instrumentalisten fortlaufend weiterentwickelt, unter Einbeziehung aller Parameter des Instrumentes: Mundstück, Blatt, Bohrungsverlauf, Anordnung der Tonlöcher, Material des Instrumentenkorpus. Von besonderer Bedeutung war auch die ständige Weiterentwicklung – zunächst als Erweiterung – des Klappenmechanismus, um vorerst überhaupt einmal alle Töne der chromatischen Tonleiter greifen zu können. Zugleich wurde dabei versucht, Klang und Intonation der einzelnen Töne zu optimieren sowie ergonomische, herstellungstechnische und mechanisch-funktionale Aspekte zu berücksichtigen. Das Ergebnis waren unterschiedliche Konstruktionsweisen bei Mundstück, Blatt, Bohrung, Tonlochabständen, Material und Klappenmechanismus. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es hier je nach Werkstatt und Klarinettist viele unterschiedliche Lösungsansätze, die nebeneinander Verwendung fanden. Allerdings bildeten sich nach und nach regional verschiedene Typisierungen heraus.

B-Klarinette Clemens Meinel
B-Klarinette Clemens Meinel Wernitzgrün, um 1980. Foto 2006 © Achim Hohlfeld.

Aktuelle Situation

Heute, und schon seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert prägend, kennen wir zwei grundverschiedene Bauweisen: In der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Österreich ein sog. “deutsches System”, in allen anderen Ländern der Welt ein sog. “französisches System”. Beide unterscheiden sich am deutlichsten im Hinblick auf die Bohrung und den Klappenmechanismus. Auch sind sie mit verschiedenen Mundstücken (und Blättern) zu spielen und die Griffweise ist bei einigen Tönen unterschiedlich. (Grifftabellen gibt es hier.)

Zwischen den Befürwortern des einen und des anderen Systems kommt es bisweilen zu Diskussionen, die, vorsichtig gesagt, wenig Sympathie füreinander erkennen lassen. Warum? Offenbar sind beide Systeme vital im Gebrauch, keines ist in jeder Hinsicht optimal, und sie bedienen unterschiedliche Interessen – aus der Tradition erwachsende, aus dem Repertoire erwachsende, aus den Klangidealen der Klarinettisten und Orchester erwachsende. Dem "anderen" System irgendwelche Schwächen vorzuwerfen hieße, den Balken im eigenen Auge zu übersehen (und, ganz nebenbei, die prinzipielle Verbesserungsfähigkeit jedes Systems in Frage zu stellen). Und ist es in einer immer stärker vernetzten Welt nicht schön, wenn, die Vielfalt respektierend, sich jeder die für ihn beste Alternative aussuchen kann? Die Mannigfaltigkeit der heute national und international erfolgreichen Solisten und Orchestermusiker spricht doch Bände ...

B-Klarinette Clemens Meinel
B-Klarinette Clemens Meinel Wernitzgrün, um 1980. Foto 2006 © Achim Hohlfeld.

Das französische System

... wird häufig mit Theobald Böhm (Flötist, Instrumentenbauer 1794-1881) in Verbindung gebracht, so dass sich dafür die alternative Bezeichnung “Böhm-Klarinette” durchgesetzt hat. (Im nichtdeutschen Sprachraum meist "Boehm".) Zwar geht die Konstruktionsidee auf Theobald Böhm zurück, tatsächlich stammt die konkrete Ausführung jedoch von Hyacinthe Eléonore Klosé (1808-1880) und Auguste Buffet (1789-1864).

B-Klarinette Clemens Meinel
B-Klarinette Clemens Meinel Wernitzgrün, um 1980. Foto 2006 © Achim Hohlfeld.

Das deutsche System

... wird noch heute geprägt durch Oskar Oehler (Berliner Klarinettist, 1858-1936). Noch heute geht bei traditionellen deutschen Klarinetten aus vielen renommierten Werkstätten das Klappendesign auf Oskar Oehler zurück. Als seine unmittelbaren Nachfolger dürfen Friedrich Arthur Uebel (Schüler und Mitarbeiter von O. Oehler) sowie Fritz Wurlitzer (Vater) und Herbert Wurlitzer (Sohn) gelten.

Besonders in Erinnerung ist O. Oehler aber auch, weil er zu seiner Zeit eine Verbesserung von Klang und Intonation des Gabelgriffs der – notierten – Töne b und f’’ für erforderlich hielt und daher einen speziellen Klappenmechanismus entwickelte, der am Unterstück der Klarinette eine "blinde" Griffplatte statt eines offenen Tonlochs für den rechten Mittelfinger vorsieht, den sog. Oehler-Mechanismus (1905 Gebrauchsmusterschutz).

Daher wird das deutsche Griffsystem auch als "Oehler-System" bezeichnet. Wirklich zutreffend ist diese Bezeichnung aber immer nur dann, wenn eine deutsche Klarinette die Griffplatte für den rechten Mittelfinger aufweist.

Die Bezeichnung "Voll-Oehler" jedoch hat mit dem Herrn Oehler nur bedingt zu tun. Zwar bezeichnet sie die deutsche Klarinette mit besagtem Griffdeckel, jedoch zusätzlich mit der Bechermechanik zur bedarfsweisen Intonationsverbesserung von – notiert – tief e (und f). Die Bechermechanik stammt aber nicht von Oskar Oehler, sie kam erst später auf (bspw. in den Katalogen der Fa. F. A. Uebel erstmals in den 1940er Jahren). Übrigens ist die Intonationsproblematik der beiden tiefsten Töne (hörbare 5 bis 20 Cent zu tief) nicht auf die Klarinetten deutscher Bauweise beschränkt, sondern auch bei französischen (Böhm-) Klarinetten zu finden. Und so gibt es auch für Böhm-Klarinetten Notwendigkeit und Hersteller für eine Bechermechanik (Beispiel) – wenn man nicht grundsätzlich beim Tonlochnetz, dem Überblasloch und einer ergänzenden b'-Mechanik ansetzt und den Schwachpunkt auf diesem eleganteren, ergonomischeren und preiswerteren Weg vermeidet.

Die Wiener Klarinette

Die in Österreich, speziell in Wien gebräuchlichen Klarinetten deutschen Typs unterscheiden sich von ihren Schwestern in Deutschland durch weitere Bohrung, andere Mundstück-Bahnen (engere Öffnung und längerer Ausstich) und daran angepasste Blätter sowie durch den Verzicht auf den Oehler-Mechanismus. Dazu kommt eine andere Trillerklappe am Oberstück (a'/b'-Triller statt f'/g'-Triller), sowie eine e'-Resonanzklappe zwischen den Tonlöchern für den linken Zeige- und Mittelfinger (wo sonst bisweilen die doppelte c-Klappe Platz findet; siehe dieses Foto). Man spricht hier von der “Wiener Klarinette”, da sie besonders in der Donaumetropole verwurzelt ist. Die Griffweisen der deutschen und Wiener Klarinetten sind jedoch identisch.

B-Klarinette Clemens Meinel
B-Klarinette Clemens Meinel Wernitzgrün, um 1980. Foto 2006 © Achim Hohlfeld.

Von der Unsterblichkeit deutscher Traditionen

Die von Oskar Oehler bis 1936 begründete Bautradition gilt noch heute in Deutschland vielen als das Maß der Dinge. Dabei wird die Werkstatt “H. Wurlitzer” (Neustadt an der Aisch) als Referenz genannt, von der – immer noch – sehr viele meinen, es gäbe keine bessere in Deutschland. Indes gibt es durchaus weitere namhafte Manufakturen, welche die deutsche Bautradition ebenso beherrschen bzw. die bei Fritz (1888–1984, Vater) und Herbert (1921–1989, Sohn) Wurlitzer und andernorts gewonnenen Erfahrungen im eigenen Klarinettenbau umsetzen und exzellente Instrumente anbieten.

Seit den 1990er Jahren konnte sich eine Anzahl Hersteller konkurrierend neben der Marke H. Wurlitzer etablieren. Ich nenne sie gerne “Premium-Hersteller” der traditionellen deutschen Klarinette. Dazu zähle ich: Harald Hüyng (Düsseldorf), Wolfgang Dietz (Neustadt an der Aisch), Martin Foag (Hafenhofen in Schwaben), Leitner & Kraus (Neustadt an der Aisch) sowie Rolf Meinel (Wernitzgrün), die eng an der Wurlitzer-Tradition entlang Klarinetten fertigen.

Um die Jahrtausendwende traten Akteure in Erscheinung, die eigene Wege gehen und sich bewusst auch die Erfahrungen und Erfindungen anderer Klarinettenhersteller zu eigen machten. Besonders erfolgreich und präsent zeigt sich dabei die Werkstatt unter Leitung von Jochen Seggelke ("Schwenk & Seggelke Bamberg"), die, der deutschen Klarinettentradition verpflichtet, konstruktiv überzeugend eigene Wege beschreitet und auch Nachbauten historischer Klarinetten auf höchstem Niveau anbietet. Gerold Angerer (Fritzens in Tirol) verlässt mit einem sehr individuellen Klarinetten-Design ebenfalls die ausgetretenen Wurlitzer-Pfade und findet dabei viel Zuspruch.

B-Klarinette Clemens Meinel
B-Klarinette Clemens Meinel Wernitzgrün, um 1980. Foto 2006 © Achim Hohlfeld.

Der Fortschritt

Sowohl für das französische als auch für das deutsche (und Wiener) System haben sich Instrumentenbauer gefunden, die Überkommenes in Frage stellen und von den gebräuchlichen Konstruktionen abweichen - und z. B. “Böhm” und “Oehler” einander annähern oder in Vergessenheit geratene Patente und Problemlösungen früherer Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts nach dem heutigen Technik- und Erkenntnisstand in ihre Konstruktionen einbeziehen.

Denn auch wenn zwei Klarinettensysteme den Markt (inter)national dominieren, so bieten doch beide in ihrer jeweils traditionellen Bauweise nicht für alle Problemstellungen des Klarinettenbaus ideale Lösungen. Zumal es völlig kompromissfreie Lösungen im Klarinettenbau nie geben kann. Die Entwicklung der Klarinette ist auch über 300 Jahre nach ihrer Erfindung keineswegs abgeschlossen, sondern ganz offenbar zu neuer Blüte erwacht!

Jüngstes und augenfälligstes Beispiel ist die in fränkisch-schweizer Kooperation entstandene Kontrabassklarinette neuen Typs, CLEX (für "Contrabassclarinet extended"), die mechatronisch unterstützt funktioniert. Mich erinnert dieser Entwicklungsschritt an die wegweisenden Schritte der mechanischen Inventionen aus dem 18. Jahrhundert. Fotos dazu hier und mehr Informationen hier.

B-Klarinette Clemens Meinel
B-Klarinette Clemens Meinel Wernitzgrün, um 1980. Foto 2006 © Achim Hohlfeld.